Hörspiel-Blog

Rezension: Kleiner Drei (Lauscherlounge)

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Eine E-Mail aus der Online-Redaktion der Lauscherlounge. Okay. Ob ich nicht Interesse hätte ein Hörspiel zu rezensieren das rückwärts erzählt wird. Okay. Thema: Drei Freunde, eine Leihmutter, ein homosexuelles Pärchen, ein Wunsch – ein Kind bekommen. O…kay. Und alles in einem Hörspiel? Kann ich mir nicht vorstellen. Antwort von mir an die Online-Redaktion: Aber unbedingt!!!

 

Die Geschichte von Kleiner Drei

Berlin. Das homosexuelle Pärchen Kemal und Moritz haben schon lange den Wunsch, ein eigenes Kind zu haben. Eine Adoption erweist sich jedoch mehr als nur Schwierig. Bei einer feucht fröhlichen Prosecco-Runde mit Freundin Rosa entwickelt sich eine aufregende Idee. Rosa schlägt sich selbst als Leihmutter vor, da sie ebenfalls insgeheim den Wunsch nach einem Kind in sich trägt. In der Theorie hört sich alles so einfach und bedingungslos an – die Realität holt die Drei doch schneller ein als ihnen lieb wäre.

Plötzlich stehen die Beziehung und das Verantwortungsbewusstsein der Beziehung von Kemal und Moritz auf dem Prüfstand. Kemal bereitet sich als Sozialarbeiter bereits auf seine Vaterschaft vor, währen Moritz eher die Zerstreuung in Party-Clubs sucht. Rosa lernt derweil Nikolai kennen, der für Kinder allerdings noch nicht viel übrighat. Sie fällt in ein emotionales Loch und trifft eine folgenschwere Entscheidung!

 

Die Charaktere im Hörspiel

Die Protagonisten sind wirklich schön herausgearbeitet und jeder sticht mit seinen charakteristischen Eigenschaften hervor, wenn es die Dramatik verlangt. Rosa fühlt sich alleine und hatte bisher noch nicht keinen rechten Erfolg bei Männern. Das verstärkt nur den Wunsch nach dem eigenen Nachwuchs. Sie beginnt an der Leihmutterschaft zu zweifeln und glaubt auch, sich in Kemal und Moritz getäuscht zu haben. Sie spürt wie sie von allen Plänen ausgeschlossen wird.

Moritz ist Produktdesigner, impulsiv und rastlos. Als er sich mit einer werdenden Vaterschaft konfrontiert sieht, wir ihm auch klar, was er dafür aufgeben muss. Er verliert sich in Zerstreuung und will sich mit „Party“ ablenken. Außerdem leidet er unter der schlechten Beziehung zu seiner oft alkoholisierten Mutter. Die hat wenig Verständnis für die geplante Leihmutterschaft. Auch Kemal wird von der neuen Situation überrannt. Allerdings aus Angst der Vaterschaft nicht gewachsen zu sein, sondern seine Sinne für die kleinen Unzulänglichkeiten seine Lebensgefährten. Von seiner Familie dürfte er nur auf wenig Unterstützung hoffen, zwar ist die Beziehung zu seiner Mutter noch in Takt, allerdings stört der Vater die Harmonie in der Familie und treibt Kemal immer weiter weg.

 

Die Cast hinter Kleiner Drei

Das gesamte Ensemble, besonders die Protagonisten, spielen ihre Rollen sehr überzeugend und absolut professionell. Eva Meckbach, Schauspielerin, verkörpert die junge Hebamme Rosa und verleiht ihr eine sehr natürliche Note bei der man ihre Entscheidungen sehr gut nachempfinden kann. Das homosexuelle Pärchen sprechen Max Riemelt (Marco aus „Die Welle“) als Moritz und Johannes Klaußner, ebenfalls Schauspieler, als Kemal. Was mich sehr gefreut hat, war die authentische und „normale“ Interpretation einer modernen Männerbeziehung. Kein klischeehaftes „Hallööchen“ oder Overactings, um auch jedem klar zu machen – ja, ich bin schwul. Autor Josef Ulbig hat hier ein sehr feines Händchen für das Thema bewiesen. In einer Nebenrolle hören wir auch Nana Spier, die ich immer wieder gerne in Hörspielen und Hörbüchern höre. Man hat es hier mit Profis zu tun und das hört man auch. Starke Leistung.

DAS LABYRINTH DES FAUNS

Spanien, 1944. Die junge Ofelia reist mit ihrer hochschwangeren Mutter in die Wälder Nordspaniens zu ihrem neuen Stiefvater, Capitán Vidal. Vidal ist ein bösartiger und grausamer Faschist, der in den Wäldern Widerstandskämpfer jagt. Für seine neue Familie scheint er aber nur wenig übrig zu haben. Dann bekommt Ofelia eines Nachts besuch von einem Feenwesen. Diese führt sie tief in den Wald wo bereits der Faun auf sie wartet.

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Ein etwas anderer Erzählstil

Was mich neben der ungewöhnlichen Handlung für ein Hörspiel ebenfalls interessiert hat, war der Erzählstil. Das Hörspiel verläuft keines Wegs chronologisch. Josef Ulbig erzählt seine Geschichte Rückwerts. So beginnt Kleiner Drei auch gleich mit einem dramatischen Enden und man fragt sich sofort, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Auf einen klassischen Erzähler wird ganz verzichtet. Durch den Perspektivwechsel bleibt das Hörspiel sehr lebendig und durch die Retrospektive verfolgt man Handlungsstrenge mit kleinen Aha-Erlebnissen. Zu Beginn benötigt man jedoch einen Augenblick, um sich in diese Erzählform einzufinden. Ist man erst einmal damit vertraut, ist es eine erfrischende Idee.

 

Was steckt in der Hörspiel-Produktion?

Die Lauscherlounge ist bekannt für experimentierfreudige Hörspiele. Nicht nur in ihren Storys, sondern auch in der Produktion. Da kommt es auch schon einmal vor, das die Crew das Studio verlässt und live vor Ort mit realistischen Atmosphäre aufnimmt. Allerdings nicht bei dieser Produktion. Entstanden ist das Hörspiel im Berliner Studio „Hörspielstudio XBerg“ unter der Regie von Josef Ulbig. Die gesamte Soundkulisse wirkt dennoch sehr natürlich und ist nicht durch den Studio-Schliff klinisch glattgebügelt. Ein Lob an Robert Lehnert und Thilo Masuth die hinter Aufnahme, Sounddesign und Vertonung stecken.

Auch musikalisch setzt man auf moderne leichte Beats und atmospärische Klänge von „Fejká“ und zusätzlich 2 Bonustracks von „Acid Pauli“. Die Übergänge kommen sehr abrupt und werden konsequent als Stilmittel eingesetzt. Ähnlich einem harten „Cut“. Es steigert die Aufmerksamkeit, bei mir zumindest.

 

Konnte mich Kleiner Drei überzeugen?

An dieser Stelle möchte ich etwas persönlich werden, weil ich mit dem zum Teil selbst Erfahrungen habe. Als Adoptivkind kenne ich die Hürden und Verständnis-Probleme bei dieser Thematik. Nicht jeder ist damit vertraut und auch heute noch, wenn auch deutlich seltener geworden, kommen vereinzelt Fragen nach dem Warum. Umso mutiger fand ich den Schritt, es zum Thema eines Hörspiels zu machen. Man geht sogar einen Schritt weiter, Leihmutterschaft für ein homosexuelles Pärchen. Respekt!

Ein besonderer Hör-Leckerbissen ist die Szene, ich nenne sie einfach mal so, der „Spermaspende“. Ich kann mich nicht erinnern, sowas mal in einem Hörspiel gehört zu haben. Grandios. Da ich nicht spoilern möchte, müsst ihr euch selbst ein Bild machen. Mit anderen Worten, wer mal weg vom Mainstream-Hörspiel etwas Neues mit realen Problemen unserer heutigen Gesellschaft hören möchte, sollte hier unbedingt zugreifen. Eine professionelle Produktion mit hervorragender aufbereiteter Story über Leihmutterschaft, unerfüllter Kinderwunsch, Homosexualität, Familienbande und Verantwortlichkeit. Ein tolles Hörspiel mit Prädikat „MeinOhrenkino-Hörspiel-Empfehlung“.

 

Link: https://lauscherlounge.de/discography/kleiner-drei/

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