Was würdet ihr von einem Wikinger-Krimi halten, bei dem es um Diebstahl, Zeugenbestechung und sogar Mord geht? Wäre das was für Euch? Dann solltet Ihr unbedingt einen Blick in diese Rezension werfen. Ich habe mir für Euch das Wikinger-Abenteuer „Gerächtigkeit“ angehört und auf Herz und Nieren geprüft!

Im August 2019 habe ich auf meinem Blog eine Rezension über ein eher ungewöhnliches Hörspiel veröffentlicht – „Eigils großer Fang“. Ein historisches Wikinger-Abenteuer von Wolfsohr Production, geschrieben von Juliane Wolf. Mittlerweile ist eine Fortsetzung „Gerächtigkeit“ erschienen, bei der wir Toke und Thorvald bei ihrer Reise zurück nach Aldeigjuborg begleiten. Ihre Reise verläuft dabei eher abenteuerlich.

Gerächtigkeit nimmt ihren Lauf

Toke, der Eigils Familie ihr Erbe überbracht hat, will sich nun auf die Rückreise in seine Heimat machen. Er musste sein Schiff dort zurücklassen, da es für so lange Reisen nicht geeignet ist. Sein Freund Ábjørn passt in der Heimat solange darauf auf. Der Sohn von Eigil, Thorvald, nimmt er mit auf seine Reise. Thorvald will das Dorf verlassen, da er eine blutige Auseinandersetzung mit seinem Stiefvater Asmund hatte. Dabei wurde er verletzt. Toke und Thorvald schlagen sich soweit durch, wie sie können. Aber Asmund hat bereit ihre Fährte aufgenommen.

Zusammen wollen die beiden Abenteurer nach Birka, wo Tokes Familie lebt. Der Winter bricht ein und sie wollen dort auf wärmere Tage warten. In Birka angekommen, nimmt sie Tokes Bruder Skjalm auf. Sie wollen eine neue Mannschaft zusammenstellen, damit sie bald wieder Geschäfte machen und Geld verdienen können. Dann treffen sie auf den Schiffsbauer und Tokes alten Freund Odd. Was Toke bis dahin jedoch nicht ahnt ist, dass Asmund ebenfalls Birka erreicht hat. Asmund versucht sich derweilen in der Stadt zurecht zu finden und bekommt Arbeit beim König von Adelsø. Dort lernt er auch dessen Sohn Emund kennen, der auf ihn gar nicht gut zu sprechen ist. Schon bald erfährt Asmund, wie sehr.

Gemeinsam mit Odd macht Toke eine merkwürdige Entdeckung. Eines der Schiffe im Hafen kommt ihm sehr bekannt vor. Ist es etwa sein eigenes Schiff! Aber wie kommt es hier her? Warum hat sein Freund Ábjørn nicht darauf aufgepasst? Sie fragen in der Stadt herum und erfahren, dass ein Händler Namens Gunnar der angebliche Eigner des „Knorrs“ (gesprochen  Knörr – kleines Händlerschiff) sei. Toke will Gunnar zur Rede stellen. Doch dieser behauptet, das Schiff legal gekauft zu haben. Dafür hätte er sogar Zeugen. Der Gode der Stadt, so etwas wie ein Bürgermeister, soll den Fall aufklären. Toke steht mit leeren Händen da. Wenn Gunnar wirklich Zeugen für den Kauf vorbringen kann, könnten er und Thorvald das Schiff und damit auch ihre Existenzgrundlage verlieren. Gemeinsam mit Thorvald und seinem Bruder Skjalm schmiedet er einen Plan, um den Dieb in eine Falle zu locken. Doch lässt sich dieser zwielichtige Gunnar wirklich hinters Licht führen?

 

Gerächtigkeit Original Cover: Gerächtigkeit

Der zweite Teil der Saga

Wie auch schon sein Vorgänger ist dieses Hörspiel ein historisches Abenteuer zu Wikinger-Zeit aus dem 10. Jahrhundert. Man könnte schon fast sagen, es ist sogar ein sehr lehrreiches Hörspiel. Autorin Juliane Wolf bleibt der Linie treu und hat neben dem Abenteuer von Toke und Thorvald wieder viele typische Details und Gepflogenheiten dieser Epoche aufgegriffen und verarbeitet. So erfahren wir in diesem Abenteuer etwas mehr über das Christentum, das seiner Zeit auch die Dänen und Schweden erreichte. Tokes Familie konvertierte zum Glauben nach dem Tod zwei ihrer Kinder. Sie erhofften sich dadurch Linderung des Schmerzes durch den tragischen Verlust. Aber nicht jeder ist ein Freund der Christen.

Auch das Handwerk bekommt einen Platz in dem Wikinger-Hörspiel. So lernen Toke und Thorvald den Schiffsbauer Odd kennen, den sie gerne anheuern würden. Jeder hat eine Aufgabe in der Stadt oder ein bestimmtes Talent, das ein anderer vielleicht benötigt. Doch auch die Herkunft spielt eine Rolle und lässt manchmal Vergleiche zu der heutigen Zeit zu. So ist ein Däne in Schweden nicht gleich Willkommen. Diese und andere Bräuche finden sich zu Hauf in dem nordischen Abenteuer wieder.

Besonders überrascht hat mich der Umgang mit der Rechtsauffassung zur Wikingerzeit. Dort war es üblich, die Zeugen zu kaufen. Also musste man etwas bieten können. Hier hat die Autorin Juliane Wolf diese „Tugend“ gekonnt in den Plott eingearbeitet. Das Problem ist nämlich, dass der andere mehr Zeugen und eine bessere Bestechung bieten könnte. Und vielleicht könnte Toke genau das nicht nur sein Schiff kosten. Aber hört lieber selbst, bevor ich zu viel verrate.

Neben den Bräuchen bekommen wir aber natürlich auch eine schöne Story geboten mit kriminalistischen Zügen. Toke will den Dieb seines Schiffes überführen und muss wie ein Detektiv Informationen über den Schurken Gunnar sammeln. Dann gibt es noch Emund, den fiesen und gemeinen Sohn des Königs. Sein aggressives und arrogantes Verhalten macht ihn für jeden zur großen Gefahr.

Wer spricht denn da?

Die Hauptrollen bleiben in derselben Besetzung wie bereits in „Eigils großer Fang“. Mario Wolf als Toke und Frank Petersen als Thorvald. Aber auch neue Stimmen sind dem Ensemble hinzugefügt worden. So wird der diebische Gunnar von Marvin Kopp gesprochen, den Ihr auch schon in unseren Creepy Tales hören konntet. Als kleine Überraschung konnte ich auch Frank Keiler in der Rolle des Schiffbauers Odd heraus hören. Bei Mortuorum Cibus übernimmt er die Rolle des Oberschurken Richard. Man setzt wieder auf die Leidenschaft und Begeisterung von Laien- und Semiprofi-Sprecher/innen. Bei der Vielzahl an Rollen gibt es ein hörbares kleines Gefälle in der Schauspielkunst, wenn auch nicht wirklich dramatisch.

Mein Fazit des zweiten Teils

Fangen wir mit der Kritik an. Die Story hätte gerne noch etwas mehr Pepp vertragen. Das Ende kommt dabei etwas zu kurz und hier wäre noch was rauszuholen gewesen. Auch die Spiellänge mit 120 Minuten hätte man etwas reduzieren können. Auf der anderen Seite gibt die Spiellänge auch den nötigen Raum, um die Charaktere und ihr Handwerk in die Geschichte mit einzuflechten. Und Charaktere gibt es bei „Gerächtigkeit“ wirklich genug. Wer übrigens bei dem Titel an einen Schreibfehler denkt, muss unbedingt das Hörspiel hören. Kleiner Spoiler: da steckt Absicht dahinter.

Musikalisch gibt es nicht viel Abwechslung, dafür passen die Songs in das Genre und auch zur Stimmung. Teilweise erinnert mich die Musik an das Feeling meiner ersten DSA-Abenteuer (für alle Nicht-Rollenspieler: Das Schwarze Auge). Die akustische Kulisse ist ebenfalls solide und sehr gut auf das Zeitalter abgestimmt.

Die Idee mit der Vermischung von Abenteuer und historischem Exkurs halte ich auch im zweiten Teil für sehr gelungen. Das macht dieses Hörspiel auch zu einem Exoten in meiner Sammlung und macht es vor allem so hörenswert. Für alle Mittelalter-, Wikinger- und Rollenspiel-Fans kann ich nur sagen, hört es Euch in jedem Fall – die MeinOhrenkino-Hörspiel-Empfehlung.

Was ich noch sagen wollte…

Falls Euch die ganzen Namen und Dorfnamen wie bei einem R.R. Martin Roman erschlagen, möchte ich auf die Homepage von Wolfsohr Production hinweisen. Dort findet ihr neben der Cast auch alle Charaktere aus dem entsprechenden Dorf zugeordnet, eine kleine Landkarte und auch kurze Erklärung zu den Hintergründen von Personen. Den Link findet Ihr direkt hier: https://wolfsohr.com/

Dann noch schnell ein kleines Dankeschön an das Wolfsohr-Team für das Hörspiel und die Fotos aus Eurer Produktion.